Erinnern heißt, Verantwortung zu übernehmen

Was die Stolpersteine vor dem Kurt-Schumacher-Haus mit unserer Gegenwart zu tun haben

Drei kleine Messingsteine vor dem Kurt-Schumacher-Haus erinnern heute an die Hamburger Sozialdemokraten Wilhelm Bock, Ludwig Wellhausen und Karl Meitmann. Meitmann, damals SPD-Landesvorsitzender, prophezeite bereits 1930 in einer Rede gegenüber SPD-Funktionären: „Die Nazis sind eine reale Wirklichkeit, die wir nicht übersehen dürfen. […] Die Nationalsozialisten werden nicht nach Berlin marschieren, sie werden Stück für Stück den Boden ebnen, um die Herrschaft zu erringen.“

Seine Mahnungen sollten bittere Realität werden. Karl Meitmann, Wilhelm Bock, Ludwig Wellhausen und viele andere wurden verfolgt und inhaftiert. Meitmann überlebte, Bock und Wellhausen kamen im KZ ums Leben. Ihr Schicksal steht für den Mut vieler Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die sich dem Nationalsozialismus entgegenstellten. Nicht erst seit den Wahlerfolgen antidemokratischer Kräfte in ostdeutschen Ländern zeigt sich: Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist eine Aufgabe der Gegenwart.

Die drei Steine vor dem Kurt-Schumacher-Haus sind Teil von mehr als 7.000 Stolpersteinen in Hamburg. Das Projekt des Künstlers Gunter Demnig erinnert seit 1995 an Menschen, die während der NS-Zeit verfolgt, deportiert, ermordet oder zur Flucht gezwungen wurden. Viele Stolpersteine erinnern an jüdische Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung.

Mehr als 100 Stolpersteine in Hamburg erinnern an Verfolgte aus den Reihen der SPD. Nach Schätzungen waren zwischen 1933 und 1945 etwa 2.500 Hamburger Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in Haft. Hinter jedem Stolperstein stehen ein Mensch, eine Familie und ein Leben, das durch die nationalsozialistische Diktatur zerstört oder tiefgreifend verändert wurde.

Erinnerungskultur bedeutet deshalb mehr, als Namen zu bewahren. Sie gibt den Verfolgten ihre Geschichte zurück und macht sichtbar, was Demokratiefeinde anrichten können, wenn ihnen Macht überlassen wird.

Wie notwendig diese Erinnerung ist, zeigen die jüngsten Wahlen, und das längst nicht nur im Osten Deutschlands. Die Wahlergebnisse sind kein Beleg dafür, dass sich Geschichte einfach wiederholt. Die politischen, gesellschaftlichen und historischen Bedingungen sind heute andere als 1933. Aber sie sind ein unübersehbares Warnsignal. Wenn eine Partei, die demokratische Institutionen und die Gleichwertigkeit aller Menschen angreift, in Landesparlamenten derart viele Stimmen erhält wie die AfD, darf das niemanden gleichgültig lassen.

„Nie wieder“ ist eine Aufgabe

Karl Meitmann, Wilhelm Bock, Ludwig Wellhausen und die vielen anderen verfolgten Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten haben nicht darauf gewartet, dass andere ihre Demokratie verteidigen. Sie haben sich organisiert, widersprochen und Verantwortung übernommen – trotz Überwachung, Haft, Gewalt und Exil. An diese Haltung zu erinnern, heißt auch, sich selbst zu fragen, was heute zu tun ist.

Demokratie lebt nicht allein von Wahlen. Sie lebt von Parteien, Gewerkschaften, Vereinen, Medien und engagierten Menschen, die widersprechen, wenn Ausgrenzung zur Normalität werden soll. Sie lebt von Orten, an denen Geschichte vermittelt wird, und von einer politischen Kultur, die den Wert jedes einzelnen Menschen verteidigt.

Die Stolpersteine vor dem Kurt-Schumacher-Haus sind daher mehr als ein Zeichen des Gedenkens. Sie erinnern an Karl Meitmann, Wilhelm Bock und Ludwig Wellhausen – und daran, dass Freiheit, Solidarität und Demokratie niemals selbstverständlich sind. „Nie wieder“ bleibt eine historische Verpflichtung. Vor allem aber ist es eine Aufgabe für heute.

AvS und Historische Kommission der SPD Hamburg

Um die Erinnerung an verfolgte und ermordete Hamburger Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten wachzuhalten, engagieren sich der Arbeitskreis ehemals verfolgter und inhaftierter Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten (AvS) und die Historische Kommission der SPD Hamburg für die Verlegung von Stolpersteinen in ganz Hamburg. Mehr Informationen unter avs-hh.de

Der Autor

Der Historiker Dr. Holger Martens gehört zu den Gründern des Arbeitskreises Geschichte bei der Landesorganisation Hamburg und ist stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises ehemals verfolgter und inhaftierter Sozialdemokraten sowie Vorsitzender der Historischen Kommission Hamburg.

Ein Kommentar zu „Erinnern heißt, Verantwortung zu übernehmen“

  1. Lieber Holger, das finde ich sehr gut, dass Du gleich mit deinem Mahnen an die Verfolgung in der Nazizeit und an die Parallelen heute erinnerst. Die schrecklichen Wahlergebnisse von gestern machen mit traurig und wütend und sicher, dass wir nie nachlassen dürfen, wachsam zu sein und gegen die Faschisten zu kämpfen. Jede/r an ihrem / seinem Platz und nach ihren /seinen Kräften. Danke für Deine Mahnung.
    Karin

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