Der Begriff Geopolitik hat es in Deutschland schwer. Er erinnert an Expansion und eine Geschichte, die hinter uns liegt. Auch passte er nicht recht zu dem Arrangement, an das wir uns nach 1945 gewöhnt hatten. Während unsere Sicherheit zu wesentlichen Teilen in amerikanischer Hand lag, stiegen wir zum Exportweltmeister auf. Sicherheit und Wirtschaft waren zwei getrennte Welten, und das hat uns Wohlstand gebracht.
Diese Zeit ist vorbei. Russland ist willens und in der Lage, in Europa Krieg zu führen, der Krieg gegen die Ukraine bedroht auch uns. China ist nicht mehr das China von vor dreißig Jahren. Auf den harten Systemwettkampf mit Peking sind wir nur unzureichend vorbereitet. Die USA wiederum sind als letzter Garant europäischer Sicherheit nicht mehr uneingeschränkt verlässlich und daran wird auch die Zeit nach Trump wenig ändern. Das ist keine Absage an die transatlantische Zusammenarbeit, im Gegenteil: Unsere gemeinsamen Interessen bleiben groß, und wir arbeiten täglich daran. Aber wir dürfen uns nicht mehr darauf verlassen, dass andere für uns einspringen. Daraus folgt zweierlei: Wir müssen unsere Sicherheit stärker in die eigenen Hände nehmen, gemeinsam mit unseren europäischen Partnern. Und wir müssen unser Wirtschaftsmodell an eine Welt anpassen, in der Absatzmärkte, Lieferketten und Zusammenarbeit von Sicherheitsinteressen abhängen. Kurz: Wir müssen handlungsfähig werden, sicherheitspolitisch wie wirtschaftlich. Das fällt uns nicht leicht, weil kaum ein Land von der alten, regelgebundenen Ordnung so profitiert hat wie Deutschland. Und weil große Veränderungen verunsichern, ist es nicht nur eine Aufgabe nach außen, sondern genauso nach innen.
Genau hier wird die Sozialdemokratie gebraucht — nicht, um den Wandel kleinzureden, sondern um sicherzustellen, dass er nicht zulasten des Zusammenhalts geht. Das ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit und zugleich die Voraussetzung, dass die notwendigen Veränderungen überhaupt gelingen. Niemand verzichtet auf einen verlässlichen Sozialstaat, damit Deutschland außenpolitisch handlungsfähig wird. Ohne Rückhalt in der Bevölkerung gibt es keine Reformen und keine Investitionen.
Geopolitik zu betreiben, heißt deshalb beides: in die Bundeswehr investieren und in die gesetzliche Rente; in Industriearbeitsplätze, in eine Infrastruktur, die funktioniert und in die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das eine geht nicht ohne das andere.
In Hamburg zeigen wir, wie das zusammengeht. Wir sichern den Hafen gegen Angriffe aus der Luft und entwickeln die Technik dafür hier vor Ort. Gleichzeitig bauen wir Wohnungen — denn wer in Bergedorf, Harburg oder Wilhelmsburg wohnt, merkt Politik zuerst an der eigenen Miete. Sicherheit und soziale Gerechtigkeit sind zwei Seiten derselben Medaille.
Die Welt wartet nicht auf uns, aber wir haben in der Hand, ob dieses Land in ihr bestehen kann und dabei zusammenhält. Dafür wird die SPD gebraucht. Mehr denn je.
Der Autor
Metin Hakverdi ist seit 2013 Abgeordneter des Deutschen Bundestages und vertritt dort Wilhelmsburg, Bergedorf und Harburg. Seit 2025 ist er zudem Koordinator der Bundesregierung für die transatlantische Zusammenarbeit.
Danke, die Linien finde ich überzeugend. Ich wäre noch dankbarer, wenn ehrlicherweise mehr von Zumutungen für ALLE – entsprechend der Stärke unserer Schultern – endlich gesprochen und dafür geworben wird.
Lieber Metin,
danke für Deine Zeilen. In Deinen Funktionen hast Du sicher mehr Insider-Informationen als ich je haben könnte. Dennoch verfolge ich sowohl in der deutschen, als auch in der englischen Qualitätspresse, was um uns herum passiert und schreibe dazu regelmäßig auf dem deutschen Ableger einer US-Plattform. Deshalb meine folgenden Zeilen:
Was ich vermisse, sind einige Anmerkungen zur Rolle der EU. Was immer man über EU-interne Entwicklungen denkt, ist sie doch der entscheidende Player zwischen den USA auf der einen, der VR China auf der anderen Seite.
Was ich möglicherweise anders sehe ist, dass man von China auch lernen kann. Zum Beispiel, welchen Wert langfristig-strategische Forschung & Entwicklung hat. Bei uns gibt es dafür systemische Grenzen (wechselnde Regierungen mit wechselnden Schwerpunkten), die zu überwinden einige Gedanken wert wäre. Eine reine Konfrontationspolitik ist nutzlos, weil ‚die Wirtschaft‘ immer opportunistisch handelt. Zölle wegen hoher Staatssubventionen dort sind nur dann tragfähig, wenn man sie auch wasserdicht macht (zum Beispiel bei High-Tech-Stahl).
Was ich auch vermisse ist eine Reaktion auf die bemerkenswerte Rede des kanadischen PM Mark Carney (in Davos 2026) zur Zusammenarbeit der globalen Mittelmächte. Wie wollen wir uns einbringen?
Was ‚Transatlantik‘ betrifft, sind die USA trotz ihrer wirtschaftlichen Stärke nicht die einzig Bedeutenden. Kanada und einige Länder Westafrikas gehören ebenfalls dazu. Was gibt es dazu zu sagen und zu tun?
Soweit in Kürze einige meiner Gedanken dazu. Vielleicht liest Du sie und kannst mir ein paar Stichworte übermitteln.
Beste Grüße, Reinhold Gütter (Altona)