Unter dem Motto „Gemeinsamkeit statt Einsamkeit“ hat Mitra Kassai das Netzwerk Oll Inklusiv – die Adresse für Senioren und Senioritas ins Leben gerufen. Seitdem organisiert sie kostenfreie Angebote für Menschen ab 60 Jahren – und ist dafür nun mit dem dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden. Am 31. März überreichte ihr Melanie Leonhard die Ehrung – jetzt stellt sie sich im Hamburger Kurs unseren Fragen.
Liebe Mitra, Du wurdest im Rathaus mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Was bedeutet Dir diese Ehrung, persönlich und für „Oll Inklusiv“?
Mitra Kassai: Ich stehe heute hier mit einem Herzen voller Stolz, aber vor allem voller tiefer Dankbarkeit. Das Bundesverdienstkreuz in den Händen zu halten, ist eine unbeschreibliche Ehre. Doch während mein Name auf dieser Urkunde steht, gehört diese Auszeichnung in Wahrheit nicht mir allein. Sie gehört einer ganzen Bewegung. Sie gehört Oll Inklusiv.
Unser Ziel bei Oll Inklusiv ist es, niedrigschwellig Gemeinschaft zu bilden und echte Freundschaften zu stiften. Wir wollen, dass die Menschen zueinanderfinden, sich austauschen und das Gefühl behalten, ein wertvoller Teil unserer Stadtgesellschaft zu sein.
Dafür schaffen wir gezielt barrierefreie und kostenlose Angebote. Denn echte Teilhabe im Alter darf niemals eine Frage des Geldbeutels oder der körperlichen Mobilität sein. Jeder Mensch hat das Recht auf Ansprache, Kultur, Freude und – wie wir es so gerne nennen – auf den sprichwörtlichen „Wind in den Haaren“.
Lassen Sie uns diese Auszeichnung heute als Rückenwind für morgen verstehen. Der ehrenamtliche Einsatz gegen die Einsamkeit im Alter ist eine der größten Aufgaben unserer Zeit. Wir von Oll Inklusiv werden jedenfalls nicht leise werden.
Wir werden weiterhin Brücken bauen, Freundschaften stiften – analog wie digital – und dafür sorgen, dass niemand im Alter allein gelassen wird.
Du sagst, dass Du aus den Gesprächen mit älteren Menschen selbst sehr viel mitnimmst. Was hast Du durch diese Begegnungen über das Leben gelernt?
Mitra Kassai: Dass unsere ehrenamtliche Arbeit heute mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt wird, zeigt uns, dass wir einen Nerv getroffen haben. Es erfüllt mich mit großer Freude zu sehen, dass Oll Inklusiv inzwischen für viele andere Initiativen im ganzen Land zur Inspiration geworden ist. Es beweist, dass man Seniorenhilfe, Pflege und Inklusion im Alter völlig neu, positiv und zukunftsgewandt denken kann.
„Gemeinsamkeit statt Einsamkeit“ ist das Leitmotiv von Oll Inklusiv. Was hat Dich dazu bewegt, dieses Projekt ins Leben zu rufen?
Mitra Kassai: Als ich damals den Entschluss fasste, diese Initiative ins Leben zu rufen, trieb mich eine wachsende Sorge um: die zunehmende Unsichtbarkeit und Einsamkeit von Menschen im Alter. Ich wollte das nicht länger hinnehmen. Ich wollten eine Brücke bauen. Meine Vision war und ist es, aktiv gegen Alterseinsamkeit anzugehen – nicht mit theoretischen Konzepten, sondern durch echte, lebendige Begegnungen.
Was braucht es aus Deiner Sicht, damit sich ältere Menschen wirklich angesprochen und einbezogen fühlen?
Mitra Kassai: Wir sind unglaublich stolz darauf, der allererste Hamburger Standort für die wunderbare Initiative „Radeln ohne Alter“ geworden zu sein. Wenn unsere ehrenamtlichen Rikscha-Piloteninnen und Piloten mit den Senioren & Senioritas durch die Stadt fahren, dann schenken wir nicht nur Mobilität, sondern Lebensqualität, intensive Gespräche und das pure Gefühl von Freiheit.
Aber Teilhabe hört für uns nicht an der Bordsteinkante auf. In einer Welt, die sich immer schneller digitalisiert, dürfen wir die ältere Generation nicht abhängen. Deshalb haben wir einen weiteren, ganz entscheidenden Schritt gewagt: unsere eigene Oll Inklusiv App.
Mit dieser App schaffen wir echte digitale Teilhabe. Wir nehmen Berührungsängste und verbinden Menschen per Knopfdruck. Und der Erfolg gibt uns recht: Weit über 10.000 registrierte Menschen nutzen unsere App bereits! Sie ist zu einem lebendigen, digitalen Marktplatz für Lebensfreude geworden.
Und weil wir das Leben im Hier und Jetzt feiern, gehört für uns auch dazu, dass wir mit dem Klischee der verstaubten Seniorentreffs brechen. Wir nutzen moderne, lebendige Räume für unsere Begegnungen. Denn auch das ist für uns gelebte Teilhabe: Ältere Menschen gehören nicht an den Rand gedrängt, sondern mitten hinein in die schönsten, modernsten und pulsierendsten Orte unserer Stadt!
Und wir gehen noch einen Schritt weiter – dorthin, wo die Gesellschaft oft wegsieht. Wir gehen mit unserer inspirierenden und aktiven Art ganz bewusst in Pflegeeinrichtungen und Hospize.
Denn auch und gerade in der letzten Phase des Lebens haben Menschen ein Recht auf Würde, Ansprache und Momente puren Glücks. Wir bringen Musik, Lachen und Leben in diese Räume. Wir zeigen, dass Lebensfreude keine Altersgrenze kennt!
Einsamkeit im Alter ist ein wachsendes gesellschaftliches Thema. Was wünschst Du Dir von Politik und Gesellschaft, um dem besser zu begegnen?
Mitra Kassai: Wir als Ehrenamtliche können und wollen die Lücken eines oft am Limit laufenden Pflegesystems nicht allein füllen. Es braucht endlich ein politisches Umdenken! Pflege darf nicht länger ein Nebenschauplatz der Politik sein. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die professionell Pflegenden die Zeit geben, die sie für die Menschen brauchen. Und wir brauchen eine Struktur, die das Ehrenamt nicht als Lückenbüßer, sondern als wertvollen Partner auf Augenhöhe begreift.
Denn wir müssen uns eines bewusst machen: Altern geht uns alle an. Jeder von uns wünscht sich ein Alter in Würde, Freude und Gemeinschaft. Niemand von uns möchte später unsichtbar sein.
Dass unsere ehrenamtliche Arbeit heute mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt wird, zeigt uns, dass wir einen Nerv getroffen haben. Es erfüllt mich mit großer Freude zu sehen, dass Oll Inklusiv inzwischen für viele andere Initiativen im ganzen Land zur Inspiration geworden ist. Es beweist, dass man Seniorenhilfe, Pflege und Inklusion im Alter völlig neu, positiv und zukunftsgewandt denken kann.