Nun bin ich also Privatvormund

Von Eckart Albrecht

Flüchtlings-Erstversorgungseinrichtung (EVE)
Jamals (vorläufiges) zu Hause: die Flüchtlings-Erstversorgungseinrichtung (EVE)

Nachdem die sogenannte Flüchtlingskrise, die in Wirklichkeit eine Krise der europäischen Staaten ist, seit etlichen Monaten den öffentlichen Diskurs bestimmt, ich immer wieder verbal meine Solidarität mit den Flüchtenden formuliere, wird es Zeit, den Worten auch Taten folgen zu lassen. Zumal ich seit etwa einem halben Jahr den „Freizeitblock“ der Altersteilzeit genieße und damit deutlich mehr Möglichkeiten habe, neue Wege abseits eines Angestelltendaseins zu beschreiten.

Bedarf an privaten ehrenamtlichen Vormündern

Andere Planungen für meine Altersteilzeit stelle ich angesichts der Massivität des Themas Flüchtlinge zunehmend in Frage. Im Umfeld meines SPD-Distrikts spreche ich mit etlichen Genoss/innen, die bereits ehrenamtlich für Geflüchtete tätig sind, beispielsweise als Helfer in der zentralen Kleiderkammer. Über verschiedene Medien höre ich von der besonderen Problematik der „minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge“ (MUF) und über den Bedarf an privaten ehrenamtlichen Vormündern. Eine Einrichtung für diese Jugendlichen, eine sogenannte Erstversorgung (EVE), befindet sich in fußläufiger Entfernung meiner Wohnung. Aus meinem Bekanntenkreis erfahre ich, dass die Vermittlung von Mündeln an Vormünder u. a. über den Deutschen Kinderschutzbund erfolgt. Anruf beim DKSB: Ja, der Bedarf ist da, auch ehrenamtliche Interessenten gibt es, jedoch liegt der Engpass im Bereich Schulung durch den DKSB, da Personal fehlt. Eine direkte Kontaktaufnahme zur Erstversorgungseinrichtung sei jedoch nicht schädlich.

Ohne Führungszeugnis geht gar nichts

Ich gehe also frohen Mutes zu dieser Einrichtung und irre durch die Container, um einen Ansprechpartner zu finden. Die Betreuer in der EVE sind sehr nett und aufgeschlossen, weisen jedoch darauf hin, dass ohne ein Führungszeugnis gar nichts geht. Zurück zu Hause recherchiere ich im Netz und sehe, dass Führungszeugnisse auch online beim Bundesamt für Justiz beantragt werden können (sofern man einen neuen Personalausweis und Lesegerät besitzt). Als Besonderheit wird für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen ein „erweitertes Führungszeugnis“ verlangt, um einschlägige Straftäter auszuschließen. Nun muss für das Führungszeugnis nur noch eine passende Anforderung – hier durch den DKSB – nachgereicht werden, damit das Zeugnis kostenlos ausgefertigt wird.

Stimmt die Chemie?

Durch diverse Gespräche bin ich darauf gefasst, dass nun einige Wochen bis Monate Funkstille herrschen wird. Aber weit gefehlt! Schon nach wenigen Tagen bekomme ich eine E-Mail vom Kinderschutzbund. Dort wurde eine neue Mitarbeiterin eingestellt, die die Schulung von Vormündern nun voranbringen soll. Für die Woche darauf vereinbaren wir einen Termin in der Geschäftsstelle in Eimsbüttel. Das Gespräch verläuft in sehr freundlicher Atmosphäre und beleuchtet viele Aspekte der zukünftigen Vormundschaft. Berufliche Schwerpunkte, Hobbys, familiäre Situation (unterstützt die Ehefrau dieses Projekt ebenfalls?). Im Weiteren sollen dann zwei „Schnuppergespräche“ mit Vormund, Mündel und Betreuer aus der EVE bzw. Mitarbeiterin des DKSB stattfinden, um zu sehen, „ob die Chemie stimmt“.

Jamal

Kurzfristig vereinbaren wir ein erstes Gespräch in der EVE. Hier wohnen ausschließlich männliche Jugendliche. Mein Gesprächspartner ist gerade 17 Jahre alt geworden und stammt aus Afghanistan. Sein Name ist Jamal (Name geändert), er ist seit etwa sieben Monaten in Hamburg und er spricht gut verständliches Deutsch. Ich bin etwas unsicher, wie weit ich auf seine Fluchtgeschichte eingehen bzw. danach fragen soll, da dies sicherlich mit schlimmen Erinnerungen verknüpft ist. Jamal erzählt von sich aus, berichtet, dass sein Vater an einer Herzerkrankung gestorben ist, während er – Jamal – im Iran war. Mutter und jüngere Geschwister leben noch in Afghanistan. Vom Betreuer erfahre ich, dass Jamal Zahnersatz braucht und in psychologischer Behandlung ist wegen fluchtbedingter Angststörung. Jamal erzählt, dass er den Berufswunsch Krankenpfleger hat. Ich unterstütze ihn spontan bei diesem Ziel und denke, dass das aus verschiedenen Gründen eine gute Wahl ist.

Positives Feedback

Nach dem Gespräch bin ich sicher, dass Vormund und Mündel gut zueinander passen würden und sage dies dem Betreuer. Später erzählt er mir, dass auch Jamal dies so sieht. Dieses positive Feedback senden Betreuer und ich an den Kinderschutzbund. Offenbar war diese Rückmeldung so eindeutig, dass das zweite Gespräch entfällt und gleich eine Empfehlung an das Familiengericht geht.

Langeweile ade

Zwischenzeitlich bin ich in den Verteiler des Kinderschutzbundes aufgenommen und erhalte täglich einige Nachrichten zum Thema Vormundschaft. Ich ahne, dass diese ehrenamtliche Tätigkeit gut geeignet ist, jede Form von Langeweile zu verhindern. Ich höre und lese, dass die Ausgestaltung von Privatvormundschaften sehr unterschiedlich verlaufen kann: von Treffen einmal im Monat bis zu mehreren Treffen die Woche.

Bei Gericht

Zur allseitigen Verblüffung kommt schon nach wenigen Tagen eine Mail vom Familiengericht mit der Bitte um Rückmeldung zwecks Terminvereinbarung. Ich rufe also am nächsten Tag an und siehe da: Wir machen wenige Tage später den amtlichen Termin. Ich hole Jamal in der EVE ab und wir fahren mit dem HVV zum Sievekingplatz, wo diese ganzen ehrwürdigen Gerichtsgebäude stehen. Die Rechtspflegerin befragt zunächst Jamal sehr ausführlich, ob er diese Vormundschaft auch selbst wünscht und dann mich zur Motivation und weist mich auf die Rechte und vor allem auch Pflichten eines Vormunds hin. Dass die Behörde als Amtsvormund bis dato noch keinerlei Kontakt zu ihrem Mündel aufgenommen hat, bestärkt das Gericht beim Wechsel zu einem Privatvormund.

Bestallung

Nach diesem mündlichen Teil warten wir einige Zeit, bis die erforderlichen Formulare angefertigt sind und werden dann zum Vollzug der „Bestallung“ wieder ins Büro gerufen. Die Unterschriften werden geleistet und dann die Bestallung durch einen offiziellen Händedruck zwischen Rechtspflegerin und neuem Vormund besiegelt. Die Urkunde muss übrigens bei Ende der Vormundschaft, also wohl beim 18. Geburtstag des Mündels, an das Gericht zurückgegeben werden.

Grund zum Feiern

Um diese neue Partnerschaft zu feiern, gehe ich mit meinem Mündel einen Riesen-Burger nahe den Landungsbrücken essen. Nebenbei frage ich Jamal vorsichtig, ob es Dinge gibt, die er nicht isst: Die Antwort lautet nein. Er hat also offenbar keine allzu strenggläubige Erziehung genossen. Wir sprechen über Arbeit in Deutschland, Familie, Hobbys. Was jetzt wohl auf uns beide zukommt? Jedenfalls fühlen wir uns beide prächtig – der erste Erfolg ist ja errungen.

Arztbesuch

Wie ich am Tage der „Bestallung“ von Jamal erfahre, hat er am Folgetag einen Termin in einem Kinderkrankenhaus mit einer Kinder- und Jugendpsychiaterin. Die Flucht hat Spuren hinterlassen, die mit Ankunft in einem sicheren Land nicht einfach weggewischt werden können. Dies äußert sich in Ängsten und Albträumen, die immer wiederkehren. Ich kann es zeitlich einrichten und schlage Jamal vor, zum Krankenhaus mitzukommen bzw. ihn mitzunehmen. Die Ärztin erfragt Verhaltensmuster und gibt sehr praxisnahe Tipps, wie Jamal mit diesen Problemen umgehen kann. Außer Jamal, der Ärztin und mir (Jamal hat ausdrücklich meiner Anwesenheit zugestimmt) ist eine Dolmetscherin anwesend, was aus meiner Sicht wegen der guten Deutschkenntnisse kaum nötig wäre.

Professionelle Distanz

Immer wieder bedankt sich Jamal für meine Unterstützung und ich komme in leichte Konflikte, wie weit ich Nähe („wie ein Vater“) zulassen oder professionelle Distanz wahren soll. Dies wird auch ein Thema bei den Schulungen des Kinderschutzbundes sein, da es natürlich nicht nur mich betrifft. Überhaupt bin ich sehr froh, dass es diese Schulungsreihe gibt, wenngleich hier eine geballte Menge an Information auf die geneigten Teilnehmer/innen einprasselt. Der Erfahrungsaustausch mit anderen (zum Teil erst werdenden) Vormündern ist zusätzlich sehr wertvoll.

Jour Fixe

Neben all den Terminen „über“ Jamal soll es natürlich auch Termine „mit“ Jamal geben. So vereinbaren wir den Freitagnachmittag als Jour Fixe. Es gibt keine Vorschriften über die Häufigkeit des Kontaktes, jedoch die Empfehlung von mindestens einmal monatlich bis optimalerweise wöchentlich. Am ersten dieser Freitagstermine besuche ich Jamal in der Erstaufnahme. Sein Zimmer in diesem Containerstandort ist recht freundlich, er teilt es mit einem zweiten afghanischen Jugendlichen. Die Möblierung ist naturgemäß etwas karg, aber aus meiner Sicht für einige Monate okay. Die Jugendlichen bekommen zwar Hilfe beim Wäschewaschen etc., müssen aber die Mahlzeiten selbst zubereiten. Manchmal kochen Jamal und ein afghanischer Freund gemeinsam, ansonsten kauft jeder der jungen Flüchtlinge beim Discounter ein und wirtschaftet autonom. An Unterstützung bekommt Jamal wöchentlich 52,- Euro, wovon Essen, Telefonieren/Internet und Kleidung zu zahlen ist. Nicht gerade üppig, wenn ich an meine Söhne denke, die als Studenten zurechtkommen mussten. Aber dieses Thema wird sicher wie vieles andere noch vertieft werden.

Sichere Herkunft?

Nach der Beurkundung der Vormundschaft beginne ich nun, Ansprechpartner ausfindig zu machen in Jamals Schule, Sportverein und bei Trägern von Jugendwohnungen. Mir dämmert, dass das Thema Asylantrag noch über allem steht und im Ergebnis alle Bemühungen zerschlagen könnte, wenn es schlecht läuft oder die Absicht der CDU, Afghanistan als sicheres Herkunftsland zu definieren, erfolgreich ist.

Optimismus

Als optimistischer Mensch gehe ich jedoch davon aus, dass wir es gemeinsam packen und dass ein Mensch wie Jamal mit solch starker Motivation bei uns auch etwas erreichen wird. Meine Verantwortung dabei ist es, Möglichkeiten aufzuzeigen und Hindernisse bürokratischer oder kultureller Natur zu überwinden.

Mir macht es Freude und ich bin gespannt, was die nächsten Wochen und Monate bringen werden.

Der Autor

Eckart Albrecht (60) ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Nach Schule in Stuttgart, Studium der Elektrotechnik in Berlin und Entwickler bei einem Aufzugsunternehmen ist er 1989 mit der Familie nach Hamburg umgezogen. Seit 1990 arbeitet er bei einer Lufthansa IT-Tochter und ist seit November 2015 im passiven Block der Altersteilzeit.

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