`Tschuldigung, Zoom!

Ein Meinungsbeitrag von Sebastian Jahnz, Gründungsmitglied des digitalen Distrikts Dockland und selbsternannter Digitalisierungs-Lobbyist.

Seit März (und mit kurzer Unterbrechung im Corona-armen Sommer) gilt für mich, wie für viele andere: mobiles Arbeiten, also zu Hause sitzen mit dem Smartphone am Ohr und dem Laptop auf dem Schoß. Und eine Zoom-Konferenz nach der anderen. Und das in all der bunten Vielfalt, die die Webcams der Anderen auf meinen Bildschirm zaubern. Weil die Zoom-Konferenz in diesem Jahr zu einem zentralen Bestandteil meines Berufs- und Parteilebens geworden ist und weil sich dieses anstrengende Jahr jetzt langsam, aber sicher seinem Ende neigt, möchte ich es dir einmal sagen: `Tschuldigung, Zoom!

Die Welt im Zoom-Format by Sebastian Jahnz
Die Welt im Zoom-Format. Bis Corona hätte das Bild niemand verstanden – heute versteht es jeder.

Zoomen ist wie googeln, nur unbeliebter

Zoomen für uns ist in diesem Jahr so selbstverständlich geworden wie googeln. Und genauso selbstverständlich ist geworden, dass wir ausgiebig über dich schimpfen: Dass deine Server nicht in Deutschland stehen oder wenigstens irgendwo in der EU, dass wir dir unsere E-Mail-Adresse anvertrauen müssen, damit du uns an das nächste Meeting erinnerst, dass es dich nicht kümmert, dass unsere Meetings möglicherweise von obskuren Hackern und fremden Geheimdiensten mitgeschnitten werden, dass du unsere Daten nicht unter den schützenden Mantel der DSGVO hüllen magst. Das alles werfen wir dir gerne vor und schrecken dabei nicht davor zurück, dich ungerecht zu behandeln – indem wir ein Maß an Schutz und Fürsorge von dir verlangen, das uns sonst völlig schnuppe ist.

Siri, Microsoft und Facebook wissen doch schon alles über uns

Es gibt wahrscheinlich niemanden, der nicht mindestens einmal täglich einen der Dienste von Datenkraken wie Google, Microsoft, Facebook oder Apple in Anspruch nimmt. Nie fragen wir uns, wo die Server stehen, über die die E-Mails reisen, die wir mit Office, Yahoo, Gmail oder gmx verschicken. Wir erlauben Siri, WhatsApp und Facebook vertrauensvoll den Zugriff auf unsere Smartphone-Kamera, auf die Liste der Namen und Telefonnummern all unserer Freunde, Verwandten und Bekannten und auf unsere Fotos. Und es hat uns ja auch schon vor Anbruch des digitalen Zeitalters nicht gestört, dass beispielsweise das Einwohnermeldeamt unsere Daten großzügig an Werbetreibende oder an Parteien (und zwar nicht nur an die demokratischen) weitergibt. Aber ausgerechnet du, Zoom, bist es, dessen Name für uns heute als Inbegriff für die Unsicherheit unserer Daten steht.

Stören tut uns dein laxer Umgang mit unseren Daten allerdings erst, seit wir bedingt durch den ersten Corona-Lockdown deinen Nutzen entdeckt und deine Dienste in Anspruch genommen haben. Zwar gibt es dich schon seit mehr als drei Jahren, es kannte dich bloß niemand, weil bei Oma und Opa für den Video-Chat mit ihren Enkeln in Übersee Skype der Goldstandard war. Aber als wir dich dann in diesem Frühling plötzlich gebraucht haben – weil du verfügbar warst, weil Du günstig warst, weil du unkompliziert warst und weil du zuverlässig funktioniert hast – hatten wir trotzdem immer nur die eine Frage an dich: Warum schützt du unsere Daten nicht? Aber anstelle, dich auf deiner Unverzichtbarkeit auszuruhen, hast du uns gesagt: Okay, ich arbeite daran. Und das hast du seitdem auch getan. Es hat nur niemanden von uns interessiert, weil es uns beim Datenschutz mehr um Prinzipien und Meinungen geht – weniger um Fakten und Abwägungen.

Die Krise heißt Corona, nicht Zoom

Noch mehr als deine Laxheit beklagen wir deinen Angriff auf unsere Versammlungskultur, deinen Raub unserer persönlichen Gespräche und das Abschneiden unserer Halsabwärts-Persönlichkeit. Aber, um es einmal klar zu sagen: Unsere Krise heißt Corona, nicht Zoom! Corona ist es, warum wir uns seit einer gefühlten Ewigkeit nicht so mit anderen unterhalten können, wie es seit jeher gewohnt waren. Du bist nicht das Sinnbild einer durch Gesellschaft und Technik verschuldeten Entsozialisierung des Zwischenmenschlichen, sondern du hast uns in einer beispiellosen biologischen Krise den Ar*** gerettet!

Die Alternative zu dir heißt TelKo

Die Alternative zu dir ist nicht das gesellige Beisammensein im Sitzungsraum, sondern die soziale Isolation in der heimischen Küche. Wäre die Corona-Krise vor zehn Jahren über uns gekommen, hätte unser Fenster zur Außenwelt nicht Zoom geheißen, sondern Telefonkonferenz … TelKo! Einen schlimmeren Horror als das kann ich mir fast nicht vorstellen! Wenn man beim Zoomen die Augen schließt (oder das Browserfenster minimiert, um anderswo zu surfen), ist es ja im Grunde nicht anderes als eine Telefonkonferenz, wie ein Telefonat mit zwingend mehr als zwei und schlimmstenfalls mehr als zwanzig Teilnehmer*innen. Wer eine TelKo schon mal mitgemacht hat, weiß wovon ich rede.

Das, was dich so neu macht, ist dass du es uns ermöglichst, die Anderen nicht nur zu hören (das geht laut Wikipedia übrigens schon seit dem 4. Dezember 1928, da fand nämlich die erste Telefonkonferenz statt), sondern auch zu sehen. Und damit hast du uns in diesem Krisenjahr vieles leichter gemacht: Wir haben den Kontakt zu Menschen halten können, die wir sonst wegen Corona lange nicht gesehen hätten. Wir haben unsere Arbeit so gut es geht fortsetzen und damit letztlich auch unseren Arbeitsplatz sichern können. Wir haben auf die Frage: „Hat noch jemand eine Frage?“ Nicht das leere TelKo-Rauschen im Ohr, sondern haben zumindest ein Achselzucken, Kopfschütteln oder einen leeren Blick unserer Gegenüber erhalten. Und, wenn wir mal ganz ehrlich sind, hat uns diese neue Form des sozialen, beruflichen und politischen Austausches sogar ein wenig Spaß gemacht!

Du bist gar nicht so kompliziert – wir sind so ignorant

Apropos Neu: Oft haben wir so getan, als hättest du uns mit einer völlig neuartigen Technologie konfrontiert und uns dabei schier Übermenschliches an Sachverstand und Lernfähigkeit abverlangt. Dabei ist eigentlich nichts wirklich neu an dir: Das erste Handy mit Kamera (Nokia 7650) kam schon 2002 bei uns auf dem Markt. Man findet dich im Internet und benötigt dafür lediglich einen Browser (wovon in der Regel drei verschiedene auf unseren Rechnern installiert sind). Wenn wir dich benutzen wollen, müssen wir nur eine kleine .exe-Datei herunterladen und ausführen – oder den App- beziehungsweise Play-Store aufsuchen, wenn es Dich auf unseren Smartphones oder Tablets geben soll. Mit diesen Ansprüchen kannst du uns schon überfordern – aber eigentlich nur, weil wir all das, was eigentlich schon seit Jahren zum technischen Standard unserer meist genutzten Büro- und Haushaltsgeräte gehört, bis März 2020 erfolgreich ignoriert haben.

Du hast Social Distancing bezwungen – und nebenbei auch die Tyrannei der Anwesenden

Nein, du bist nicht neu. Corona ist neu. Und du hast uns geholfen, Social Distancing erträglicher zu machen. Und wie haben wir es dir gedankt? Wir haben dich wegen deiner Herkunft diskriminiert. Wir begegnen dir voller Misstrauen, weil du aus den USA kommst, während wir mit einer Firma aus China ernsthaft über das Betreiben unserer Mobilfunkinfrastruktur verhandeln. Wir tolerieren ein deutsches Unternehmen wie Volkswagen, das Jahrzehntelang nicht auf Innovation, sondern auf Betrug gesetzt hat. Dabei fragen wir selten, wieso die heimische Wirtschaft lieber Manipulationssoftware für Abgastests entwickelt, als ihre Kreativität in digitale Innovationen wie dich zu investieren? Ein Teil der Antwort lautet: Datenschutz! Datenschutz ist heute das, was in Industriezeitalter der Brandschutz war: hierzulande ein berüchtigtes Totschlagargument für jegliche Art missliebiger Aktivität, das zwar sicherlich schon Brände verhindert hat, aber darüber hinaus noch so Vieles mehr an Engagement, Einfallsreichtum und Veränderung.

Dabei hast du in der kurzen sommerlichen Zeit der Corona-Entspannung gezeigt, welche demokratischen Qualitäten in dir stecken! Denn du hast es geschafft, dass sich unsere Versammlungsdemokratie erstmalig auch für Menschen geöffnet hat, die nicht reich an Zeit oder finanziellen Mitteln sind, um zu jeder Parteiveranstaltung oder Vorstandssitzungen persönlich zu erscheinen. Partizipation heißt bei uns traditionell: Mitbestimmen kann nur, wer anwesend sein kann. Du hast Anwesenheit neu definiert und damit einen wichtigen Beitrag geleistet, um die Tyrannei der Anwesenden zu überwinden.

All das muss jetzt, kurz vor Weihnachten, auch einmal gesagt werden. Also nochmal: Entschuldige bitte, Zoom! Und Danke, Zoom! Und bis demnächst wieder …

Der Autor

Sebastian Jahnz arbeitet seit über zehn Jahren für die SPD zunächst im Bezirk Altona, inzwischen in der Landesorganisation. Als gebürtiger Rheinländer hat er in der Hansestadt eine neue Heimat gefunden.

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